Gottesdienst für die Würde des Lebens am Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit.

12. April 2026

L1: Weish 11, 22-26
Ev: Joh 20, 19-31

Diese Predigt entstand im Rahmen eines Anlassgottesdienstes den das Fachteam Ehe, Familie und Partnerschaften zum Thema "Würde des Lebens" mitgestaltet hat. Nach der Heiligen Messe wurden bei einem Kuchenverkauf für den Verein "Aktion Leben" Spenden gesammelt.

Liebe österliche Feiergemeinde, Schwestern und Brüder im Glauben an einen barmherzigen Gott.

Anfang Februar dieses Jahres schlug ein Zitat von Papst Leo mehr oder weniger hohe mediale Wellen. Und sie erreichte mich auf Umwegen. Bei einer Begegnung mit einer Jugendleiterin kam diese zu mir und sagte: „Jetzt mag ich den neuen Papst nicht mehr.“ Auf Nachfrage erzählte sie mir von eben jener Schlagzeile: Papst Leo hat gesagt: „Abtreibungen seien der größte Zerstörer des Friedens“. 
Im anschließenden Gespräch wurde schnell klar: Das gesellschaftlich polarisierende und aufgeheizte Thema, dass Menschen sich für die Beendigung einer Schwangerschaft entscheiden, hat unglaublich viele Gesichtspunkte und Schattenseiten und wird viel zu selten ehrlich diskutiert. 
Schließlich fiel ein Satz, der für mich die Diskussion auf den Punkt brachte: Bei Schwangerschaftsabbrüchen gibt es keine Gewinner – sondern nur Verlierer.


Wo Abtreibungsgegner mit Schuld stigmatisieren und Befürworter:innen die Würde ungeborenen Lebens infrage stellen, wird auf jene vergessen, die am existentiellsten betroffen sind: Zuallererst die schwangeren Frauen und die ungeborenen Kinder. Väter und Eltern, die eine Entscheidung treffen. In dieser Phase ist „Aktion Leben“ ein unabhängiger, überkonfessioneller, gemeinnütziger Verein, der sich genau um diese Menschen kümmert. Mit Beratungsangeboten, die ergebnisoffen mit den Menschen mitgehen. Es findet Annahme und Begleitung statt. Hilfe wird geleistet. Lösungen werden aufgezeigt, an die man nicht gedacht hat. Und so entsteht manchmal Leben, wo Anfangs keine Möglichkeiten gesehen wurden.

Die katholische Kirche hat in dieser Frage auch eine wichtige Rolle, wird ihr aber oft nicht gerecht. Denn zu leicht wird die moralische Schuld eines Lebensendes auf Einzelpersonen abgewälzt, oder Menschen, die sich für Betroffenenrechte einsetzen, werden bedrängt. Das anfangs erwähnte Zitat des Pontifex wird verkürzt medial breitgetreten ohne die Möglichkeit sachlicher Einordnung und trägt zur Polarisierung bei. Weil es auf eine Welt trifft, die diese Sprache nicht mehr versteht.

Das, was Betroffenen und der ganzen Thematik viel mehr gerecht werden würde, wäre ein Abstand nehmen von allgemeiner Vorverurteilung. Wir sollten den Versuch wagen, verstehen zu wollen, was die persönlichen Lebensumstände, aber auch die komplexen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind, die zu Schwangerschaftskonflikten führen. Bevor empört der Zeigefinger erhoben wird.

So stellt sich für mich die Frage, wie wir aus der Perspektive unseres Glaubens an einen barmherzigen Gott auf diese Situation schauen. Und welches Vorbild wir in Jesus finden, wie er den Menschen begegnet, die mit Schuld und zerbrochenen Lebensentwürfen vor ihm stehen. Ich lade ein, mit einem Blick auf die heute gehörten Schriftstellen eine Haltung zu finden, die einen verantwortbaren Umgang mit der Würde des Lebens ermöglicht und eine Begleitung von Menschen, die einer vergebenden und mitgehenden Barmherzigkeit bedürfen, aushält.

Das heutige Sonntagsevangelium berichtet am Beginn der Osterzeit von der unmittelbaren Erfahrung der Auferstehung. Die Jünger sind verunsichert. Sie trauen der Begegnung mit dem Auferstandenen nicht. Teilweise sind sie selbst schuldig geworden in den Tagen der Verurteilung und Kreuzigung ihres Herrn: Sie sind eingeschlafen, haben ihn verleugnet und an ihm gezweifelt.

Und Jesus tritt zu ihnen durch verschlossene Türen. In einen Raum der Furcht bringt er den Frieden. Im selben Moment zeigt er seine Wunden an Händen und Seite und verdeutlicht: Es gibt auch den Moment des Leides. Es gibt den Moment der Gottesferne. Es gibt die Situation, in der Menschen Entscheidungen gegen das Leben treffen. Aber er verurteilt niemanden, sondern schenkt ihnen den Lebensatem Gottes. Er haucht der Jünger:innengemeinschaft den Heiligen Geist ein und stiftet so Beziehung. Begegnung die heilen kann.

Und dem, der noch nicht glauben kann, der zweifelt, der ringt und auf der Suche nach Halt und Wahrheit ist – diesem Thomas – begegnet er ganz persönlich. In einer Weise, die er begreifen kann und die ihm hilft, die traumatischen Erfahrungen von Jesu Tod und Auferstehung zu verarbeiten. Das ist das Bild Gottes, das uns von Jesus in den Evangelien überliefert ist.

Es ist ein Bild, das in den Weisheitsschriften des Ersten Testaments verdeutlicht wird: das Bild eines allmächtigen Gottes, der das Leben will, der das Leben fördert – vom ersten Augenblick an. Ein Gott, der sich zugleich der Zerbrechlichkeit seiner Welt bewusst ist und sich gerade deswegen ihrer erbarmt.

Und genau hier liegt der entscheidende Punkt für die Debatte um Lebensbeginn und Lebensende: Gott steht klar auf der Seite des Lebens. Und er lässt niemanden fallen.
Seine Barmherzigkeit zeigt sich in der Annahme und der Freude über das ungeborene und werdende Leben – und in der Annahme derer, die in ihrer Angst, oder innerer Überforderung eine Entscheidung gegen das Leben treffen.

So stellt sich für uns als Gemeinde heute vielleicht die Frage: Wie können wir in unserem Leben, in unserem sozialen Umfeld Räume der Annahme schaffen, in denen wir gemeinsam aushalten, was ist? In denen wir gegen Polarisierung auftreten und versuchen den anspruchsvollen Mittelweg zu gehen. Der die Würde des Lebens und die göttliche Barmherzigkeit miteinbezieht. In denen wir uns vor allem dafür einsetzen, dass Schwangerschaftskonflikte aufgrund von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so weit wie möglich verhindert werden können? Das ist eine politische Frage. Aber Politik wird durch unser Handeln beeinflusst und so ist es unser Auftrag als Bürger:innen aber vor allem als Christ:innen dem Vorbild Jesu zu folgen. Der nicht verurteilt. Sondern annimmt, aushält und dadurch Versöhnung und Leben schafft. 

Amen.