Vierter Adventsonntag
21. Dezember 2025
Jes 7, 10–14
Ps 24, 1–2.3–4.5–6
Röm 1, 1–7
Evg.: Mt 1, 18–24
Liebe Feiergemeinde, Schwestern und Brüder in Erwartung der Ankunft des Herrn,
die heutigen Texte der Heiligen Schrift scheinen uns auf den ersten Blick gut auf Weihnachten vorzubereiten. Sie sprechen von Verheißung, von Hoffnung und von der Geburt eines Kindes. Doch wenn wir genauer hinhören, merken wir: Diese Texte erzählen nicht von einer heilen Welt. Sie führen uns in Situationen von Unsicherheit, von offenen Fragen und von Entscheidungen, die Vertrauen verlangen. Gerade darin liegt ihre adventliche Kraft.
So lade ich euch ein, heute nicht nur auf das kommende Fest zu schauen, sondern auf das, was diese Texte über unsere Hoffnung und unseren Glauben sagen – und darüber, wie Gott gerade in unübersichtlichen Zeiten gegenwärtig ist.
Beim Lesen des Propheten Jesaja, der uns durch den Advent begleitet, müssen wir bedenken: Er spricht in eine ganz konkrete geschichtliche Situation hinein. Im 8. Jahrhundert vor Christus steht das Königreich Juda mit König Ahas massiv unter Druck. Bedroht von äußeren Feinden sucht der König politische Sicherheiten und achtet dabei nicht auf das Vertrauen in Gott.
In diese Situation hinein wendet sich Gott selbst an Ahas und fordert ihn auf, ein Zeichen zu erbitten, um sein Vertrauen zu stärken. Doch Ahas weicht aus. Wie wir das allzu gut von uns selbst kennen, sucht er die kurzfristige, schnelle politische Lösung, verstrickt dabei aber sein Volk in langfristige Abhängigkeiten fremder Mächte.
Jesaja tritt nun auf, um das Haus Davids zu erinnern: Gott hat sein Volk nicht verlassen. Er hört die Bedrängten, er bleibt an der Seite derer, die in Angst leben. Und so kündigt der Prophet ein Zeichen an: Eine junge Frau wird einen Sohn empfangen, und sein Name wird Immanuel sein – Gott ist mit uns. Ein Kind als Zeichen dafür, dass Gott gerade in unsicheren Zeiten gegenwärtig bleibt. Dieses Kind wird in der christlichen Tradition mit der Geburt Jesu verbunden und Jesus bedeutet Gott-rettet.
An diese komplexe Erzählung aus dem Ersten Testament anzuknüpfen, ist schwierig. Das Evangelium macht es uns einfacher. Auch hier hören wir von einem verunsicherten Mann. Und wir können, denke ich, gut mit Josef mitfühlen: Da ist Unsicherheit, vielleicht auch Enttäuschung, aber sicherlich ein Verantwortungsgefühl, das er verspürt hat, als er von Marias Schwangerschaft erfuhr. Die junge Maria hätte nach den damaligen gesellschaftlichen Normen schwierige Voraussetzungen gehabt. So erzählt uns das Evangelium von Josef als einem gerechten Mann, der sich zwar trennen, aber zumindest Marias Leben nicht gefährden oder sie bloßstellen wollte.
Aber es ist keine schnelle Entscheidung im Affekt, denn er denkt nach. Und in seinem Nachdenken tritt Gott ganz klar in sein Leben, und der Engel des Herrn spricht zu ihm: Fürchte dich nicht. Josef vertraut den Worten des Engels. Er nimmt Maria und Jesus in seine Familie, in den Stamm Davids, auf.
Wir wissen nur wenig über diesen Josef und die Ehe mit Maria oder über seine Vaterrolle. In dem Wenigen, das wir wissen, dürfen wir uns aber einen Mann vorstellen, der trotz schwieriger Momente zu seiner Familie steht, Verantwortung übernimmt und sich von Gott leiten lässt – ja, auf Gott vertraut.
Blicken wir auf heutige Beziehungskonstellationen, merken wir vielleicht, wie anspruchsvoll diese Haltung Josefs auch heute noch ist. Denn die Statistiken zeigen ein tragisches Bild: Bei knapp dreihunderttausend Ein-Eltern-Familien werden über 80 Prozent von Frauen getragen. Heute ist die Bedrohung eine andere als vor 2000 Jahren. Die Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung von alleinerziehenden Müttern ist allerdings nach wie vor eine große gesellschaftliche Ungerechtigkeit. Und dabei handelt es sich nicht nur um ein politisches Problem, sondern auch um eine soziale und moralische Frage – auch für uns Männer der Schöpfung. Und ich fange gar nicht erst mit dem Thema Care- und Pflegearbeit in Familien an, wo es ein ähnliches Ungleichgewicht gibt.
Ich hoffe, ihr verzeiht mir diesen sozialpolitischen Exkurs, aber gerade zu Weihnachten, dem Fest der Familie, ist es auch relevant, auf die Realität dieser Familien heute in unseren Breiten zu schauen.
Schwestern und Brüder, die heutigen Lesungstexte wollen uns, denke ich, daran erinnern, an welche Art von Gott wir glauben und worauf wir uns verlassen. Ja, worauf wir vertrauen, wenn wir uns auf Weihnachten vorbereiten.
Paulus bringt diese Bewegung in der heutigen Lesung in wenigen Worten auf den Punkt, wenn er davon spricht, dass Gott den „Glaubensgehorsam“ aufrichten will. Das ist kein blinder Gehorsam und kein frommes Wiederholen, sondern ein Vertrauen, das sich im Leben bewähren muss – so wie bei Josef, der nachdenkt, hört und Verantwortung übernimmt. So wie bei Maria, die Ja sagt zu Gott in ihrem Leben.
Ist das Vertrauen zum Göttlichen in meinem Leben stark genug, dass ich seinen Ruf höre?
Bin ich bereit, mich von Gott auf die Verantwortung in meinem Leben hinweisen zu lassen?
Habe ich mich darauf vorbereitet, dem kleinen Kind im Stall, der erfahrbaren Liebe Gottes, zu folgen?
Begehen wir Weihnachten mit der Offenheit und dem Vertrauen, dass Gott einen Unterschied macht in unserem Leben.
Mögen wir erfahren, was Maria und Josef erfahren haben: dass Gott trägt.
Amen.