Rorate-Andacht am Mittwoch der ersten Adventwoche

3. Dezember 2025

Jes 25, 6-10a

 Liebe Feiergemeinde, Schwestern und Brüder in Erwartung der Ankunft des Herrn,

beim Hören des heutigen Lesungstextes wird dem einen oder der anderen schon das Essen an den Weihnachtsfeiertagen in den Sinn gekommen sein: die feinen Speisen und erlesenen Weine, die unsere Tafeln in den Tagen am und nach dem 24. Dezember decken werden. So scheint dieser Text des Propheten Jesaja auf den ersten Blick die perfekte Einstimmung in die fröhliche Vorweihnachtszeit zu sein – oberflächlich betrachtet.

Doch möchte ich mit euch am Beginn dieser Adventzeit tiefer blicken und genau hinschauen, um den Blick auf die kommenden drei Wochen des Advents zu schärfen, bis wir zu den Festmählern mit Familie und Freunden zusammenkommen.

Der Prophet Jesaja spricht in seinen Worten sehr oft vom Berg Zion. Für ihn ist dieser Berg allerdings keine geografische Ortsbeschreibung. Vielmehr geht es ihm dabei um einen Herzensort – einen Ort der Begegnung mit Gott, also den Moment der Gotteserfahrung schlechthin. Und wenn Jesaja in seiner Zeit diese Gottesbegegnung am Berg Zion beschreibt, dann tut er das, um dem Volk Israel Hoffnung zu spenden: dem Volk, das in der biblischen Überlieferung von einer Katastrophe in die nächste zu schlittern scheint – von unterdrückter Sklaverei hin zu verlorenen Kriegen und Exilserfahrungen. Da verheißt Jesaja Gott als den, der alle Völker retten wird. Er verheißt Gott als jemanden, der die Menschen befreit von der Last der niederdrückenden Erfahrungen, der die Tränen der Menschen abwischen und die Verfehlungen auflösen wird.

Jesaja spricht diese Worte in die Zukunft. Und wenn man die Prophetenschrift mit einer Schablone der vier Evangelien liest, überrascht es nicht, dass wir hier eines der meistzitierten Bücher des Ersten Testaments vor uns haben. Vor allem im Advent, wo wir uns auf die Ankunft des Herrn, die Geburt Jesu, vorbereiten, ist es jedes Mal aufs Neue berührend, wie dieses Buch das Sehnen nach Befreiung, Hoffnung und Erlösung in Worte fasst.

 

Für uns Christ:innen ist in der langen Tradition der Auslegung klar, dass Jesaja von Jesus als dem kommenden Berg Zion, als dem kommenden Erlöser sprach: Gottes Sohn, der als Mensch unter Menschen erfahrbar wird, der die Verstrickung der Völker in Gewalt und Gegengewalt auflösen soll. Jesus, dessen erfahrbare Liebe ein Licht entzündet, das die Welt zu göttlichem Frieden führt – wie ein Stern, der Hirten zu einem Stall leitet. Ein Licht, das auch in Erfahrungen von Not und Leid, von Unsicherheit und Angst, von Tod und Trauer leuchtet.

Dieses große Licht scheint beizeiten nur sehr schwach zu flackern – angesichts unserer Erfahrungen heute: Kriege, die nicht enden wollen; Hunger und Armut, die es in unserer Welt unnötigerweise noch gibt; Diskriminierung und Verfolgung aufgrund von Herkunft und Lebensentwürfen. 

So ist es auch an uns, die Flamme der frohen Botschaft, des kommenden Lichtes, zu nähren – ja, zu pflegen und sie zu einer Fackel der Hoffnung in unseren heutigen Tagen zu machen.

Schwestern und Brüder, schauen wir in diesem Advent ganz bewusst darauf, was es in unserer Gesellschaft, in unserem Alltag noch fehlt, um ein großes Festmahl zu feiern. Schauen wir, wo wir den Unterschied machen können: in unserem Alltag, im Verein, in der Familie und bei Freunden, in der Arbeit. Immer im Vertrauen, dass wir das Licht nicht allein tragen müssen, sondern gemeinsam – in der Gemeinschaft hier in Gallneukirchen, in der Gemeinschaft der Glaubenden in der Welt und in der Gemeinschaft mit Gott, dem Herrn – den Weg bereiten. Tragen wir dieses Licht im Advent in die Welt.

AMEN