Palmsonntag

29. März 2026

Ev1: Mt 21, 1-11, L1: Jes 50, 4-7, 
AntPs: Ps 22, 8–9.17-20.23–24,    L2: Phil 2, 6-11, Ev2: Mt 27, 11-54 

Liebe Feiergemeinde, Schwestern und Brüder im Glauben an und im Mitgehen mit Jesus Christus

die Karwoche, die wir mit diesem Wochenende beginnen, führt uns seit den Ereignissen in Jerusalem vor rund 2000 Jahren in einen schwer greifbaren Widerspruch: den dramatischen Umschwung vom Jubel zum Kreuz in Jerusalem, die Erzählung der grausamen Entmenschlichung in der Passion hin zum wahrhaftigen Bekenntnis eines römischen Hauptmanns.

Diese Gegensätze fordern heraus und sind dabei immer auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Gerade in Zeiten, in denen wir täglich in den Nachrichten von – für uns unvorstellbarem – Leid erfahren, in denen wir merken, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt brüchig wird und Zukunftsangst um sich greift, lohnt es sich, denke ich, sehr bewusst darauf zu schauen, welche inneren Verstrickungen diese Passionsgeschichte aufzeigen kann, um daraus die richtigen Schlüsse für unsere Pfarrgemeinde, unseren Alltag und schließlich für Glauben und Gesellschaft zu ziehen.


Die Texte des Evangelisten Matthäus am Palmsonntag spannen einen großen Bogen vom Einzug Jesu in Jerusalem bis hin zur Kreuzigung. Sechs Tage liegen zwischen den Rufen „Hosanna“ und „Ans Kreuz mit ihm“. Und auch wenn wir die Geschichten schon oft gehört haben, scheint mir ein Zusammenhang gerade bei Matthäus wichtig zu sein:


Jesus kommt in eine von Interessengruppen zerrissene Stadt. Zwischen römischer Besatzungsmacht, unterschiedlichsten jüdischen Gruppierungen sowie Obrigkeit, Händlern, Pilgern, Armen, Bürgern und Sklaven ist Jerusalem ein Pulverfass. Die einfachen Menschen sehnen sich nach Befreiung, nach Heil, nach einem Ende ihrer Not. Sie sind es, die Jesus sehnsüchtig erwarten – den, der ihnen auf Augenhöhe begegnet, der sich als Jude nicht nach Punkt und Komma des Gesetzes richtet, sondern die Schrift im Geist der Liebe Gottes auslegt, und so zum Beispiel auch am Sabbat heilt.


Er wird begrüßt und angerufen mit dem hebräischen „Hoshia na“ – „Rette uns!“. Er verkehrt jeglichen Machtanspruch ins Lächerliche: ein Esel statt eines Streitwagens oder Schlachtrosses. Und die Menschen begrüßen ihn – nicht mit Reichtümern und Herrscherinsignien, sondern sie brechen Zweige von Sträuchern ab, sie geben ihr letztes Hemd, ihre Kleidung als Zeichen der Ehrerbietung und Hoffnung für diesen Befreier. Und die Römer pervertieren am Ende diesen Auftritt in ihre eigentliche Machtlogik. Mit Purpurmantel und Dornenkrone.


Jesus selbst aber fackelt laut dem Matthäusevangelium nicht lange, seine Botschaft klarzumachen: Konsequent geht er nach seiner Ankunft im Kapitel 21 in den Tempel, verjagt die Händler und wendet sich sogleich bedürftigen Menschen zu und heilt sie mit wundersamer Hingabe.


Die Reaktion der Hohepriester, die schließlich zu Jesu Verhaftung, Verurteilung und Kreuzigung führt, ist aus einer Gedankenwelt der Machtlogik und des Machterhalts heraus verständlich. Aus ihrer Sicht stiftet dieser jüdische Wanderprediger Unruhe, ja, er gefährdet den Frieden. Es ist menschlich verständlich, Jesus anzuschwärzen und ihm die Gotteslästerung als todbringendes Verbrechen anzudichten, um die eigenen Interessen zu schützen und durchzusetzen. – Wie oft bekommen wir das in unserem Alltag, in der Politik, mit, dass jemand Unliebsames verleumdet wird. – Vielleicht war aber auch die Angst vor der nächsten gewaltsamen Säuberung durch die römische Besatzungsmacht, die Herr über Recht und Gericht war, Anlass für die Verleumdung.


Dass die Matthäuspassion in den Jahrhunderten zu großen antijüdischen Auslegungen geführt hat, blendet die historische Realität leider oft gänzlich aus. Dass nämlich die Situationen nie einfach schwarz-weiß sind, sondern viele Grautöne die komplexen gesellschaftlichen Zusammenhänge ausmachen – so wie heute. Die historische Macht zur Verurteilung und Hinrichtung aber hatte allein das römische Imperium. Das jüdische Volk als Ganzes für Jesu Tod verantwortlich zu machen, wie es das Evangelium andeutet und in der Geschichte geschehen ist, ist dabei ein antijudaistischer Sündenfall. Ich denke, wir sind es unseren jüdischen Glaubensgeschwistern schuldig, das zu bedenken.


Die Matthäuspassion erzählt die darauffolgenden Ereignisse nicht einfach als chronologische Abfolge. Vielmehr ist sie eine Deutungsschrift. Und das wohl Auffälligste ist: Jesus ist sehr wortkarg. Er lässt geschehen. Er entscheidet sich bewusst für diesen Weg – und nimmt ihn im Vertrauen an, im Wissen um die Kraft, die ihm geschenkt ist, um die zerstörten Beziehungen zwischen Gott und Mensch und unter uns Menschen zu heilen.

Gottes Sohn, als Mensch unter Menschen, geht mit uns auch in der Leiderfahrung mit. Jesus wird selbst dem gleich, der im Angesicht größter Ungerechtigkeit an Gott zweifelt, wenn er ruft: „Warum hast du mich verlassen?“ Gott wird uns Menschen im Scheitern unseres Lebens, im Tod gleich, um schließlich die eigentliche Größe und Kraft seines Wirkens zu zeigen: dass die Liebe Gottes zu uns Menschen stärker ist als der Tod, stärker als Leid, stärker als der Hass, der unser Zusammenleben spaltet und bedroht.


Schwestern und Brüder, im Angesicht weltpolitischer Konflikte erscheint das Zugehen auf Ostern und diese Botschaft manchmal wie ein laues Lüftchen, das nicht viel ausrichtet. Aber schauen wir in den kommenden Tagen – wenn wir gemeinsam feiern und in unserem Alltag –, dass wir so handeln, wie es sich die Menschen, die Jesus hoffnungsvoll mit Palmwedeln begrüßt haben, erhofft haben.


Rufen wir uns zu: Hoshia na – rette uns! Achten wir darauf, einander Rettung zu sein, indem wir einander nicht vorschnell verurteilen, indem wir denen beistehen, die keine Stimme haben. Weil wir darauf vertrauen dürfen, dass Gott, dass die Liebe das stärkste Band und die größte Kraft in unserem Glauben und in unserem Leben ist. 

Amen.