Christi Himmelfahrt

14. Mai 2026

L1: Apg 1, 1-11, 
AntPs:  47, 2-3, 6-7, 8-9
L2: Eph 1, 17-23 
Ev: Mt 28, 16-20

Liebe österliche Feiergemeinde, Schwestern und Brüder im Glauben an den auferstandenen und erhöhten Jesus Christus

Warum lässt Gott uns manchmal allein? Eine Frage, die Menschen in Krisen stellen. Wenn Beziehungen zerbrechen. Wenn ein geliebter Mensch stirbt. Wenn wir auf unsere Welt blicken mit ihren Kriegen, ihrer Unbarmherzigkeit und den vielen Situationen, die geradezu gottverlassen wirken. Und diese Erfahrung kommt selbst in der Bibel an prominenter Stelle vor. Jesus schreit am Kreuz im Markusevangelium: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der Sohn Gottes selbst kennt also die Erfahrung der Gottesferne. – Und nun feiern wir heute Christi Himmelfahrt. Ein Fest, das auf den ersten Blick diesen Eindruck noch verstärken könnte: Jesus verschwindet. Gott entzieht sich. Und die Menschen bleiben verlassen zurück?

Liebe Feiergemeinde, ich bin ganz ehrlich mit euch: Ich predige heute erstmals zu Christi Himmelfahrt. Und in meiner Vorbereitung stellte sich mir die Frage, warum Gott uns seine unverhüllte Liebe – Jesus – entzogen hat. Und vielleicht geht es euch ähnlich mit diesen Fragen zum heutigen Fest, das so anders ist als andere hohe Feiertage. Die Geburt an Weihnachten können wir uns vorstellen. Karfreitag auch den Tod. Ostern ist mit den Auferstehungserzählungen emotional nachvollziehbar. Aber Himmelfahrt? Jesus entschwindet in den Himmel? Was sollen wir damit anfangen?

In der bisherigen Osterzeit hätten wir ja auch schon genug Spannung und Komplexität. Vierzig Tage lang hören wir von Erfahrungen mit dem Auferstandenen. Von Begegnungen, Zweifeln, Hoffnungen. Und genau in diese Situation hinein spricht die heutige Apostelgeschichte. Nach der Himmelfahrt lebten die ersten christlichen Gemeinden in einer starken Naherwartung: Sie hofften, dass Christus sehr bald, noch zu ihrer Lebenszeit, wiederkommen würde. Und zugleich mussten sie lernen, mit einer neuen Realität umzugehen: Jesus ist nicht mehr so erfahrbar wie früher. Denn Jesus war in seinem irdischen Leben die erfahrbare Liebe Gottes. Menschen konnten ihm begegnen. Sie konnten seine Stimme hören. Seine Nähe spüren. Er heilte, vergab, stärkte, gab Menschen ihre Würde zurück. Im Logos, im menschgewordenen Wort Gottes, wurde Gottes Liebe konkret sichtbar.

Aber seine Lebenszeit unter den Menschen geht zu Ende. Natürlich nicht die Liebe Gottes. Aber die Art und Weise ihrer unmittelbaren Erfahrbarkeit verändert sich. An die Stelle der unmittelbaren Gegenwart Jesu tritt der Heilige Geist, in dem Christus gegenwärtig bleibt. Und der Geist Gottes wird zum eigentlichen Handelnden in der Kirche. Nicht losgelöst von uns Menschen, sondern durch unser Handeln. Der Geist wirkt in uns, durch uns und manchmal trotz uns. Und deshalb sagt Jesus auch nicht: Bleibt stehen und wartet. Sondern: Geht hinaus. Bis an die Grenzen der Erde.

Die Himmelfahrt ist also kein Verschwinden Jesu. Er wird entzogen, aber nicht ausgelöscht. Sein Dasein wird gewandelt. Weg vom Anführer einer Gruppe, dem die Menschen nachfolgen, hin zu dem, der Vertrauen schenkt und die Menschen ermutigt.

Mir ist dazu das Bild meines Sohnes in den Sinn gekommen, als er zu gehen begonnen hat. Und wenn ihr an eure Kinder und Enkerl denkt, könnt ihr mir da vielleicht folgen. Da gibt es die Phase, wo ein Kind beide Hände eines Erwachsenen braucht, um zu stehen und die ersten Schritte zu machen. Das Kind spürt Sicherheit. Nähe. Schutz. Aber irgendwann kommt der Moment, wo losgelassen werden muss. Nicht weil man das Kind im Stich lässt. Sondern weil man ihm zutraut, selbst Schritte gehen zu können. Und dann kommt der Moment, wo das Kind schneller läuft, als einem lieb ist.

Und so denke ich, ist die Himmelfahrt genau das, was die Jüngergemeinschaft in diesem Moment braucht. Gott entzieht ihnen die unmittelbare Gegenwart Jesu, damit sie selbst gehen lernen. Damit sie selbst seine Botschaft verkünden. Damit sie selbst Verantwortung für das Evangelium übernehmen. Denn solange die Jünger nur nach oben blicken und Jesus nachschauen, bleiben sie stehen. Deshalb sagen die Engel auch provokant: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“

Und ich denke, das ist die zentrale Anfrage über Zeit und Raum an uns als Kirche heute: Wo stehen wir mit der Botschaft des Evangeliums in den Händen und warten darauf, dass Gott aktiv wird, während wir selbst Verantwortung nicht annehmen? Wo ziehen wir uns zurück, weil wir die Irritation, das Gespräch, die Tat scheuen?

 

Dieses Thema ist nicht neu. Schon der Epheserbrief richtet sich an die Gemeinden in Kleinasien, die sich in Reibereien verstrickten. Judenchristen und Heidenchristen. Unterschiedliche kulturelle Prägungen, unterschiedliche religiöse Erfahrungen. Und weil man sich auf das Trennende fokussiert und sich in Detailfragen verstrickt, tritt das gemeinsame Bekenntnis zu Christus in den Hintergrund. Wie oft lähmen uns in der Weltkirche und in unserer Gemeinde Streit um den richtigen Weg und Spannungen zwischen unterschiedlichen Vorstellungen von Glauben und Zukunft. So sollten wir den Epheserbrief auch als Mahnung lesen, dass Einheit nicht dadurch entsteht, dass alle gleich denken. Sondern dadurch, dass Christus unsere Mitte ist und durch unser Handeln erfahrbar bleibt.

Und schließlich hören wir im Matthäusevangelium den sogenannten Missionsbefehl. Dort spricht Jesus den entscheidenden Satz: „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Das verweist nicht nur zurück auf andere Worte Jesu – „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ –, sondern letztlich auf den Gottesnamen selbst. Auf das „Ich-bin-da“ Gottes aus dem Ersten Testament.


Schwestern und Brüder, Christi Himmelfahrt bedeutet also nicht: Gott entfernt sich von der Welt. Sondern: Gottes Gegenwart verändert ihre Form. Nicht mehr nur gebunden an den irdischen Jesus von Nazareth, sondern erfahrbar in Wort, Sakrament, Gemeinschaft, Nächstenliebe und im Wirken des Geistes mitten unter uns.

Christen sind keine Menschen, die nur sehnsüchtig zum Himmel starren. Sondern Menschen, die aus der Hoffnung des Himmels heraus diese Welt gestalten. Dort, wo Menschen einander aufrichten. Wo Versöhnung geschieht. Wo Würde geschützt wird. Wo Menschen trotz Angst füreinander Verantwortung übernehmen. Wo Liebe stärker wird als Gleichgültigkeit. Dort ist Christus gegenwärtig.

So lade ich ein, Christi Himmelfahrt zu feiern. Als ein Fest des Zutrauens. Dass Gott uns nicht festhält wie kleine Kinder. Sondern uns vertraut und aussendet, im Geist Jesu selbst Schritte zu gehen bis zum Ende der Welt.

Amen.