2. Sonntag im Jahreskreis
18. Jänner 2026
Jes 49, 3.5-6
1 Kor 1, 1–3
Joh 1, 29–34
Liebe Feiergemeinde, Schwestern und Brüder im Glauben an Jesus Christus
Jesaja, Johannes und Paulus – von ihnen haben wir heute je eine persönliche Schilderung über ihre Erfahrung mit Gott gehört. So könnten wir direkt anschließen und unsere Erfahrungen mit Jesus teilen. Miteinander teilen, wo wir schon Göttliches erfahren haben. Wo unser Leben im Dunkel verloren war und von Licht gefunden wurde. Von wem wir uns im Leben Heil erhoffen. So könnten wir am Ende des heutigen Gottesdienstes auf ein großes Erfahrungsnetzwerk blicken, das uns durch dieses Jahr tragen kann. Aber vielleicht schauen wir zuerst noch einmal genauer auf die drei Texte, um zu verstehen, was sie uns über Gott sagen können, um unser Glaubensnetz an drei stabilen Eckpunkten, drei Zeugnissen, zu verankern.
Schon im Advent hat uns Jesaja mit seinen bildhaften Verheißungen auf die Ankunft eines Gottesknechtes vorbereitet. Allerdings kein unfreier Knecht, keine reine Arbeitskraft, sondern ein Diener, der den Ruf Gottes erfüllt und so die Herrlichkeit des HERRN zeigt. Er spricht dabei aber ganz neu nicht nur für Israel, sondern für alle Nationen. Das heißt natürlich keine Abkehr vom Volk Israel, sondern Jesaja spricht vom Heil als etwas Durchdringendem, das die ganze Schöpfung, alle Menschen erreicht – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrer sozialen Situation.
Jesajas Prophetie wurde in der Tradition des Christentums immer mit Blick auf Jesus gedeutet, doch in der heutigen Stelle spricht er in mehrfacher Weise vom Gottesknecht. Das Volk Israel ist ebenso dieser Diener wie auch die prophetische Stimme selbst. Also ein Gesandter Gottes, der das Licht der Nationen ist, aber in unterschiedlichen Seinsweisen. Eine Mehrdeutigkeit, die eine Spannung darstellt. Die heutige Stelle liest sich mit einer christlichen Brille viel weniger als Ankündigung des kommenden Erlösers, als vielmehr als schon in der Gegenwart wirkendes Heil. Und der Respekt vor unseren jüdischen Glaubensgeschwistern gebietet es, dass wir diese Stelle aus dem Ersten Testament ernst nehmen – gerade an diesem Wochenende wo auch der Tag des Judentums begangen wurde. Jesaja gibt Zeugnis, dass das Heil wie ein Licht kommen wird, aber vielleicht ohne zu wissen, wann und wie.
Die Erkenntnis dieser Spannung ist wichtig, und sie führt uns geradewegs zum heutigen Evangelium. Denn auch hier spricht Johannes der Täufer in fast kryptischer Art und Weise. Die mehrdeutige, philosophisch durchdrungene Sprache aus dem Johannesprolog setzt sich fort: „Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war.“ Der Täufer führt uns gleichsam in eine ähnliche Spannung wie Jesaja, deutet sie aber sehr klar auf den kommenden Christus Jesus. Ja, Johannes spricht mit Macht, weckt Hoffnung. Und es sammeln sich Menschen um ihn, deren Not er lindert und deren Sehnen nach Heil er erhört. Johannes tauft und lässt die Menschen aus ihrer Schuld neu auftauchen und weiß zugleich:
Er ist nur ein Vorbote des wahren Befreiers von Sünde und Schuld. Das wahre Lamm, der wahre Gott, die erfahrbare vollkommene Liebe, die erlöst und befreit – sie kommt durch jemand anderen. Und Johannes deutet auf einen der Menschen, die sich anstellen, um befreit zu werden, und erkennt: Dieser ist der Sohn Gottes. Es ist also ein Zeugnis der Erfahrung. Johannes ist diesem Jesus begegnet. Er hat ihn berührt. Er wusste, dass dieser Mensch kommen würde. Er erkannte, dass Jesus ihm in den Kategorien der Liebe, Vergebung und Barmherzigkeit voraus war. Und er deutet den Sohn Gottes als das Wort, das schon im Anfang bei Gott war.
Und was ist jetzt mit uns? Wir, die wir scheinbar nur mehr dieses Buch haben. Die aufgeschriebenen Worte. Die Erzählungen und Deutungen von Menschen. Ist dieses Göttliche für uns noch greifbar? Eine Brücke schlägt uns hier der jüdische Pharisäer Saulus. Ohne Jesus persönlich gekannt zu haben, verfolgt er mit religiösem Eifer die Anhänger dieses gekreuzigten Wanderpredigers aus Nazareth, den er zutiefst ablehnt. Und da, auf seinem Weg, passiert es: Er hat seinen persönlichen Offenbarungsmoment. Und er wird vom Saulus zum Paulus. Vom Verfolger zum Verkünder. Er wird zum Beispiel für Umkehr, für die Weite der christlichen Botschaft. Paulus sorgt dafür, dass das Licht und das Heil nicht nur dem Volk Israel, sondern allen Nationen, der ganzen Schöpfung, zuteilwerden. Und das hören wir in seinem Brief an eine der vielen christlichen Gemeinden, die er mit seiner Überzeugungskraft gegründet hat. Und so hören auch wir über Zeit und Raum das hoffnungsvolle Bekenntnis und seinen Gruß: an die Kirche Gottes in Gallneukirchen, an uns Geheiligte in Christus Jesus, an uns berufene Heilige. Gnade sei mit euch und Friede.
Liebe Schwestern und Brüder, diese drei Zeugnisse sollten uns, denke ich, bewusst machen, dass Gott für diese Welt da ist und erfahrbar ist: vor seiner Menschwerdung in Jesus, während der Zeit seines Wirkens und auch – und besonders – nach seinem Tod und seiner Auferstehung. Und auch heute wirkt Gott in uns. Er leitet uns und stärkt uns, wenn wir seinen Ruf hören, unsere Beziehung mit dem Göttlichen im Leben wagen und annehmen: durch die Dienste in der Gesellschaft, durch caritatives Tun an unseren Mitmenschen, durch das Teilen der christlichen Botschaft und das Feiern des Lebens hier in der Kirche, aber vor allem in unserem Alltag und unseren Beziehungen. Und so möchte ich zu einem verspäteten Neujahrsvorsatz einladen: Schauen wir gut auf unser Erfahrungsnetzwerk der Liebe Gottes in unserer Gemeinde und unseren Beziehungen. Pflegen wir es hier in der Kirche und zu Hause am Tisch und teilen wir es mit unseren Lieben in Arbeit und Freizeit. Auf dass es ein gutes Jahr wird, in dem Heil und Licht bis an das Ende unserer Schöpfung reichen. AMEN.