Liebe Feiergemeinschaft, Schwestern und Brüder im Glauben an Jesus Christus,
Die katholische Gemeinschaft begeht heute, am 21. November, einen marianischen Gedenktag. Am Ende des Kirchenjahres weist uns das Festgeheimnis in gewisser Weise schon auf die bevorstehende Adventzeit und schließlich die Geburt Jesu hin.
Dabei beruft sich der Gedenktag unserer Lieben Frau von Jerusalem nicht auf eine kanonisch-biblische Grundlage. „Mariä Opferung“, wie das Fest im Volksmund lange benannt wurde, stützt sich auf eine Episode aus dem apokryphen Jakobusevangelium. Dort finden wir einige Erzählungen über die Heilige Familie; allerdings ist deren Authentizität in Teilen fragwürdig. Die unserem Gedenktag zugrunde liegende Geschichte erzählt, dass Anna und Joachim ihre Tochter Maria mit drei Jahren nach Jerusalem in den Tempel brachten, um sie dort der Obhut Gottes zu übergeben, sie gleichsam zu opfern. Es ist zu lesen: „Der Herr Gott legte Anmut auf sie. Da begann sie auf ihren Füßen zu tanzen, und das ganze Haus Israel gewann sie lieb.“
Wie wir heute diese Überlieferung für unser Leben und unsere marianische Frömmigkeit interpretieren können, das lässt sich mit den Schrifttexten des heutigen Gedenktages deuten.
In der ersten Lesung aus dem Prophetenbuch Sachárja lesen wir einen Lobpreis auf das Kommen des Herrn zu seinem Volk: „Juble und freue dich, Tochter Zion.“ Tochter Zion steht dabei für die Heilige Stadt Jerusalem, das Volk Israel, das sich auf die Ankunft des Erlösers vorbereitet, der in ihrer Mitte wohnen wird. Am Ende heißt es: „Der Herr tritt hervor aus seiner heiligen Wohnung.“ Ich denke, wir dürfen hier die Interpretation wagen, dass es nicht nur um den Tempel als Gebäude geht, sondern – im Zusammenhang mit Marias Darbringung im Tempel – auch darum, dass sie selbst die Wohnung für den Herrn ist, ihr Mutterleib für Jesus, der schließlich in einem Stall in Bethlehem ins Leben treten wird. Natürlich ist dies eine Interpretation des Prophetenwortes, die keinen Anspruch auf Gültigkeit für unsere jüdischen Glaubensgeschwister erheben kann. Aber der Zusammenhang mit dem Festinhalt drängt sich aus meiner Sicht doch auf: Maria, die im Tempel wohnt und schließlich selbst der Tempel Gottes, die Wohnung Gottes unter den Menschen wird.
Das Lukas Evangelium hingegen mag bei einem schnellen Hinhören verwirren. Weist Jesus hier seine eigene Familie vor den Toren zurück, wenn er zu seinen Jüngern im Haus spricht? Das könnte man meinen. Aber es geht hier nicht um Zurückweisung, sondern um die Frage, was Nachfolge bedeutet. Es braucht nämlich keine Familienbande oder einen Verwandtschaftsgrad um Jesus zu verstehen. Es braucht keinerlei Voraussetzung außer der einen: Jesus in den Mittelpunkt zu stellen. Das persönliche Leben, Leiden und Lieben in Verbindung mit Jesus zu vollziehen – mit seiner Botschaft, die unser Handeln inspiriert, mit seiner Auferstehung, die uns Hoffnung schenkt, mit seiner Barmherzigkeit, die uns immer wieder zu ihm einlädt.
Ein Leben in der Nachfolge Jesu zu führen, bedarf eines großen Vertrauens. Und ich denke, nicht zufällig schlägt uns die katholische Leseordnung den Lobgesang Mariens, das Magnificat, am heutigen Tag als Antwortgesang vor. Am Ende ist es nämlich unsere Entscheidung, diesen Weg zu gehen – so wie Maria sich entschieden hat, bereit zu sein für Gott in ihrem Leben. Darauf zu vertrauen, dass wir, jede:r Einzelne, den Weg mit Jesus in unserem Leben gehen können, in Freud und Leid. Dass er uns den Weg zeigt und uns dabei begleitet und führt, wie der Herr es für Maria getan hat. Und wie Maria dürfen wir sagen: Hier bin ich, Herr – dein Wille geschehe an mir.
AMEN