30. Sonntag im Jahreskreis

Sir 35, 15b–17.20–22a
Ps 34 (33), 2–3.17–18.19 u. 23
2 Tim 4, 6–8.16–18 
Lk 18, 9–14

Liebe Feiergemeinde, Schwestern und Brüder im Glauben an Jesus Christus!

 Wenn wir zum Gottesdienst zusammenkommen, aus der Heiligen Schrift die Geschichte Gottes mit den Menschen hören, dann müsst ihr als Hörende – und ich als Prediger – immer eine mehrstufige Transferleistung vollbringen.
 Einerseits eine zeitliche – die Lebensrealität vor zwei- bis dreitausend Jahren war eine gänzlich andere.
Und eine inhaltliche. Denn die Adressatinnen und Adressaten der biblischen Urtexte, der befreienden Botschaft Gottes, waren zuallererst die Unterdrückten, die Ausgestoßenen und die Armen. 

 In einer sicheren, demokratischen Wohlstandsgesellschaft, die wir trotz schwieriger Wirtschaftsdaten und tragischer Einzelschicksale nach wie vor sind, komme ich immer wieder auf die Frage zurück:
 Ist die Botschaft, die Gott mit uns teilt, für uns heute überhaupt noch anschlussfähig?
 Wir, die wir die zum Himmel schreiende Not und Ungerechtigkeit, die es auf der Welt gibt, primär aus den Nachrichten kennen – können wir an den Weisungen Gottes anknüpfen?
 Können wir seinen Anforderungen an ein liebendes Handeln und Leben gerecht werden? 


 Ich denke, wir finden in den Schriftstellen der heutigen Lesungen Antworten darauf.
 Und ich lade euch ein, mir auf dieser Spurensuche zu folgen.

 Schauen wir auf das Erste Testament.
 Der Weisheitslehrer Jesus Sirach war im Jerusalem des 2. Jahrhunderts vor Christus bereits mit der griechischen Philosophie vertraut.
In seinen Schriften versucht er, die jüdischen Traditionen im Lichte dieser Erfahrungen zu deuten.
Im Konkreten geht es in der heutigen Schriftstelle um die Art und Weise, wie im Tempelkult geopfert wird.
Und da geht es nicht um Größe oder Leistung, sondern um die Haltung, die hinter dem Opfer steht.
Das, was Gott dabei wichtig ist, ist Ehrlichkeit und Authentizität.
Es geht ihm nicht um Ansehen, Ruf oder Stellung der Menschen, sondern gerade um jene, die seine Hilfe brauchen und auf ihn vertrauen: konkret Arme, Waisen, Witwen – ihnen verschafft Gott am Ende Gerechtigkeit.
Ihr Beten und Flehen erhört er. 


 Dieses Bild eines gerechten Gottes, der auf der Seite der Armen steht, begegnet uns immer wieder im Ersten und im Neuen Testament – so auch im heutigen Psalm:
 Gott ist Erlöser, ist Beschützer und beendet die Not derer, die ihn anrufen, die seine Hilfe wahrhaft brauchen, die seine Nähe suchen, die mit ihm in Beziehung stehen. 


Wie aber gelingt diese Beziehung zu Gott?
 Wie sieht eine lebendige Verbindung mit dem Allmächtigen aus?
 Was Sirach über die Haltung des Herzens sagt, vertieft Jesus in seinem Gleichnis.
 Er gibt uns ein Beispiel, wie unsere Beziehung zu Gott aussehen soll – und wie nicht.

Der Pharisäer, voller Selbstgerechtigkeit und Statusdenken, wird abgewiesen.
 Fleißig und schnell im Gebet, aber ohne Tiefe.
 Er erscheint in der Gleichniserzählung wie jemand, der überhaupt keine Hilfe nötig hat, der Gott überhaupt nicht braucht – als ob er alles in seinem Leben sich selbst zu verdanken hätte.
 Und diese Haltung weist Jesus zurück.


 Der Zöllner auf der anderen Seite war im materiellen Sinn sicherlich kein armer Mensch.
 Aber er weiß, dass ihm etwas Wesentliches im Leben fehlt.
 Es ist der Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, nach Vollkommenheit, nach innerem Frieden.
Er ist sich bewusst, dass er die Beziehung zu Gott, das Gebet im Tempel braucht.
Der Zöllner stellt sich vor den Herrn, gesteht sich seine Fehler, seine Sünden und seine Endlichkeit ein – und bittet um das Geschenk der Gnade Gottes.
Und er wird erhört werden.
Er wird angenommen und beschenkt werden, lässt uns Jesus wissen.

So ist dieses Gleichnis, denke ich, ein gutes Beispiel für uns heute, an dem wir uns orientieren können.
Weitgehend frei von materieller Armut, ist für uns die Frage nach dem Erlöser, der uns aus Armut und Unterdrückung errettet, vermeintlich nicht mehr relevant.
Aber unser Leben so zu gestalten, dass wir mit unserer Umwelt und unseren Mitmenschen im Einklang sind, dass wir vor allem mit uns selbst zufrieden sind und ein reines Gewissen haben, dass wir uns mit den Verletzungen und Verfehlungen in unserem Leben versöhnen, um das eigene Glück und die innere Ruhe zu finden – da ist die Haltung des Zöllners ein Beispiel, dem wir folgen können. 


 Vor den Herrn, unseren Gott, hinzutreten und bekennen:
 „Ich bin nicht perfekt. Trotz meiner Fähigkeiten, Leistungen und Qualitäten bin ich manchmal schwach. Ich brauche dich und deine unendliche Liebe, damit mein Leben vollkommen wird.“
 Das gilt für den von Armut und Not Betroffenen genauso wie für jene, die keine existenziellen Nöte in ihrem Leben verspüren. 

 

Schwestern und Brüder,
 die Botschaft Gottes ist – denke ich – immer relevant.
 Denn sie leitet uns an, in unserem Leben wie in unserem Miteinander mit Menschen und Umwelt Frieden zu stiften.
Gleichsam den lebendigen Frieden Gottes in unseren Herzen zu spüren, mit unseren Mitmenschen zu teilen und dadurch selbst Glück in allen Lebenslagen zu finden. 

So erinnert uns auch die Lesung aus dem Timotheusbrief daran, dass Paulus am Ende seines Lebens – trotz Gefangenschaft und des bevorstehenden Martyriums – in Frieden diesen Weg gehen wird.
 Weil ihn seine lebendige Beziehung zu Gott trägt und er darauf vertraut, dass ihn Gott nicht fallen lässt, sondern – wie er schrieb – „den ewigen Kranz der Gerechtigkeit bereitet“. 



 

Eine Anmerkung aus dem Evangelium möchte ich noch für unseren Alltag mitgeben:
 Vom Zöllner wird berichtet, dass er im Tempel ganz hinten stehen blieb, weil er sich nicht für würdig hielt.
 Und dieses Detail hat mich nachdenklich gemacht. 

Ich lade euch, liebe Gottesdienstgemeinde, ein, in der kommenden Woche bewusst darauf zu schauen:
 Schenken wir jemandem in unserem Alltag, der oder die Zuspruch braucht, ein gutes Wort – oder einfach eine Erinnerung an das Wesentlichste in der Beziehung zwischen Gott und uns Menschen: 

Du bist würdig. Du bist geliebt. Du bist gesegnet. 

 - AMEN