Liebe Feiergemeinde, Schwestern und Brüder im Glauben an Jesus Christus!
habt ihr schon von dem Begriff Shrinkflation oder Schrumpflation gehört? Es handelt sich dabei um das bewusste Verkleinern von Füllmengen bei gleichbleibender Verpackungsgröße und Verkaufspreis – ein Vorgehen, das immer mehr von großen Lebensmittelherstellern betrieben wird. Ich zahle also denselben Preis für weniger Inhalt – und das, ohne dass ich darauf hingewiesen werde.
Ich kaufe also meine Lieblingschips um 2,99 €, bekomme allerdings statt der gewohnten 200 g knusprigen Knabbergenusses nur 185 g. Wissen kann ich das nur durch einen Blick auf den Kilopreis oder bei genauem Studium der blickdichten Verpackung, die sich sonst nicht verändert hat.
Falls ihr euch jetzt fragt, ob die heutige Predigt ein Vortrag über die Finessen des Einzelhandels wird – ich kann euch beruhigen, denn dieser ist jetzt beendet.
Aber ich musste in meiner Vorbereitung doch herzlich schmunzeln, als ich den Text aus dem Ersten Testament, vom Propheten Amos, gelesen habe. Dieser ist im 8. Jahrhundert v. Chr. ein bekannter Kritiker der religiösen und sozialen Missstände seiner Zeit.
Dass er aber vor 2700 Jahren von Machenschaften schreibt, die uns auch heute aufgezwungen werden, fand ich dann doch überraschend und erheiternd – wenn es nicht zugleich so traurig wäre. Denn das Manipulieren von Hohlmaß und Silbergewichten führt genau zum selben Ergebnis wie heute – genauso wie das Ersetzen hochwertiger Zutaten durch mindere und billigere Produkte. Wir zahlen drauf.
Diese Praxis – damals wie heute – ist vielleicht keine, die der verstorbene Papst Franziskus als „tötende Wirtschaft“ verurteilt hätte. Aber sie steht doch für eine Wirtschaftsform der Unfairness, der der einzelne Konsument ausgeliefert ist, möchte er nicht, dass der tägliche Einkauf zum Produkt- und Preisstudium ausartet.
Der Prophet Amos lässt uns jedoch wissen: Diese Taten wird der HERR nicht vergessen.
Spannend finde ich in diesem Zusammenhang die Gleichniserzählung Jesu aus dem Lukasevangelium.
Auf den ersten Blick hören wir vom ungerechten Verwalter als einem Betrüger. Den Schuldnern seines Herrn setzt er die Rückstände herab – und das tut er nur, um seine eigene Zukunft zu sichern. „A gschickter Teifi“, könnte man sagen.
Und doch lobt sein Herr nicht die Unehrlichkeit, sondern die Klugheit, im entscheidenden Moment entschlossen zu handeln.
Genau darin liegt die Spannung dieser Überlieferung: Jesus macht deutlich, dass Klugheit und Entschlossenheit im Leben wichtiger sind als das Festhalten am weltlichen Reichtum. Nicht die Ungerechtigkeit ist nachahmenswert, sondern die Fähigkeit, das Leben in den Mittelpunkt zu stellen – und im richtigen Moment zugunsten der Beziehung zu anderen zu handeln.
Deshalb bringt Jesus es auf den Punkt: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
Es liegt also in unserer Verantwortung, ein gerechtes Leben hier vor Ort zu verwirklichen.
Indem ich mich in meinem Wirkungsbereich für Gerechtigkeit im Umgang mit den Mitmenschen und der Schöpfung einsetze, kann ich Gott dienen.
Das gilt vom Mindestpensionisten bis zur Vorstandsvorsitzenden; es gilt für den Supermarktkassier ebenso wie für die Managerin in der Produkt- und Preisgestaltung eines Lebensmittelkonzerns.
Und es liegt an den Herrschenden und Mächtigen in Wirtschaft und Politik, sich um faire und ökologische Produktionsbedingungen in der Welt zu bemühen – wenn wir als Menschheit Gott dienen wollen.
Die Entscheidung im Einzelfall ist herausfordernd, da brauchen wir nicht drumherumreden.
Und mit einem Blick auf unsere heutige Welt müssen wir feststellen, dass sich die Weltgemeinschaft zu oft auf die Seite des ungerechten Mammons, der Machtbesessenheit und der Unterdrückung stellt.
Die Hoffnung aber, dass sich dieser Kreislauf durchbrechen lässt, ist in unserem Glauben an Jesu Auferstehung grundgelegt.
Es braucht uns – mutige Christinnen und Christen –, die in den entscheidenden Momenten entschlossen handeln:
in der Familie, in Schule und Arbeit, in der Freizeit.
Jesus fordert uns dazu auf, mit dem Blick auf Gottes Reich das Richtige zu tun – im Vertrauen auf die Liebe Gottes klug zu handeln und so diese Welt in den kleinen Entscheidungen des Alltags wie auch in den großen Fragen unserer Gesellschaft zu verändern.
Schwestern und Brüder,
ich möchte mit einem positiven Ausblick schließen.
Ohne mir anzumaßen, die Wege Gottes zu kennen, habe ich letzte Woche zwei weltliche Nachrichten gelesen, die mir etwas Hoffnung geben:
Das Oberlandesgericht Wien hat tatsächlich eine Tiefkühlmarke wegen irreführender Geschäftspraktiken verurteilt, und die Bundesregierung plant ein Gesetz gegen versteckte Preiserhöhungen.
Ich hoffe, dass die im Paulusbrief angesprochenen Fürbitten ihre Wirkung gezeigt haben.
Persönlich sehe ich es jedenfalls als einen Hauch von Vernunft – und vielleicht auch als eine ermutigende Brise des Heiligen Geistes.
AMEN.